Erinnere dich, wer du bist
- Simon Gehringer
- 5. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Das göttliche Leben lebt in dir
Heute ist Ostersonntag.
Heute feiern viele Menschen das Leben, das stärker ist als Angst, stärker als Gewalt, stärker als die Schatten der Vergangenheit. Heute richtet sich der Blick auf Jesus, auf seine Botschaft, auf seine Liebe, auf seine unerschütterliche Verbindung zu Gott.
Und heute ist ein guter Tag, um dich an etwas zu erinnern, das größer ist als jede religiöse Form und zugleich mitten in ihrem Herzen lebt:
Das göttliche Leben ist in dir.
Es lebt in deinem Atem.
Es lebt in deinem Herzen.
Es lebt in deiner Sehnsucht nach Wahrheit, nach Liebe, nach Frieden, nach einem menschlicheren Miteinander.
Es lebt auch dort in dir, wo du müde geworden bist.
Es lebt auch dort in dir, wo du verletzt wurdest.
Es lebt auch dort in dir, wo du dich selbst noch suchst.
Du trägst dieses Leben nicht irgendwann erst in dir, wenn du besser geworden bist.
Du trägst es jetzt.
Du trägst es seit dem ersten Augenblick.
Du trägst es als Tochter, als Sohn des einen göttlichen Ursprungs.
Und genau darin liegt die Würde des Menschen.
Kein Titel macht dich würdiger.
Kein Amt macht dich heiliger.
Kein Besitz macht dich wertvoller.
Kein Rang hebt einen Menschen höher ins Leben als einen anderen.
Wir alle tragen dasselbe Licht in uns.
Wir alle stammen aus derselben Quelle.
Wir alle gehören zu einer einzigen großen Familie des Lebens.
Diese Wahrheit ist schlicht.
Diese Wahrheit ist kraftvoll.
Diese Wahrheit rüttelt wach.
Denn solange Menschen glauben, manche stünden höher, näher an Gott, näher an der Wahrheit, näher an der Bedeutung des Lebens, bleibt ein alter Schmerz in unserer Welt lebendig. Dann trennen wir uns voneinander. Dann bauen wir Treppen in unsere Köpfe und Mauern in unsere Herzen. Dann schauen einige von oben herab und andere von unten hinauf. Dann verliert Begegnung ihre Wärme und Gemeinschaft ihre Seele.
Genau darin liegt das leise Gift der Überordnung.
Hierarchie hat sich tief in unser Bewusstsein eingeschrieben.
Sie hat uns beigebracht, uns einzuordnen, uns zu vergleichen, uns größer oder kleiner zu machen, als wir in Wahrheit sind.
Sie hat uns daran gewöhnt, Autorität über Menschlichkeit zu stellen, Anpassung über Echtheit, Rolle über Herz.
Heute darfst du spüren: Diese Zeit geht zu Ende.
Die Zeit ist reif, den Stachel zu ziehen.
Den Stachel, der Menschen voneinander trennt.
Den Stachel, der Würde abstuft.
Den Stachel, der dich vergessen lässt, wer du bist.
Den Stachel, der dir einflüstert, du müsstest erst jemand werden, um von Bedeutung zu sein.
Du bist bereits Ausdruck des göttlichen Lebens.
Du bist bereits getragen.
Du bist bereits gemeint.
Du bist bereits Teil dieser heiligen Menschheitsfamilie.
Ostern erinnert dich daran, dass Leben sich aufrichtet.
Es richtet sich auf in dem Menschen, der seine eigene Würde wieder fühlt.
Es richtet sich auf in der Frau, die ihre Stimme zurückholt.
Es richtet sich auf in dem Mann, der seine Härte ablegt und sein Herz wieder öffnet.
Es richtet sich auf in jeder Begegnung, in der ein Mensch dem anderen ohne Überhebung und ohne Unterwerfung begegnet.
Genau dort beginnt Auferstehung im Alltag.
Jesus hat den Menschen kein fernes Himmelreich verkauft.
Er hat sie an die unmittelbare Nähe Gottes erinnert.
Er hat Würde berührt.
Er hat Herzen geöffnet.
Er hat Menschen aufgerichtet, die sich verloren, schuldig, klein oder ausgeschlossen fühlten.
Er hat sie erinnert: Das Reich Gottes ist nah. Das Heilige ist gegenwärtig. Das Leben ruft dich jetzt.
Diese Botschaft ist heute lebendig wie eh und je.
Du musst dich nicht länger klein halten.
Du musst dich nicht länger über andere stellen.
Du musst keine Rolle spielen, um geliebt zu sein.
Du darfst dich erinnern.
Du darfst dich aufrichten.
Du darfst dich wieder als Mensch erkennen.
Du darfst den anderen wieder als Schwester, als Bruder erkennen.
Stell dir vor, was geschieht, wenn immer mehr Menschen aus dieser Erinnerung heraus leben.
Dann verändert sich Familie.
Dann verändert sich Schule.
Dann verändert sich Führung.
Dann verändert sich Arbeit.
Dann verändert sich Politik.
Dann verändert sich Kirche.
Dann verändert sich Gesellschaft.
Denn wer das göttliche Leben in sich selbst spürt, begegnet auch dem anderen mit anderen Augen.
Dann erscheint kein Mensch mehr als bloße Funktion.
Dann wird kein Kind mehr klein gemacht.
Dann verliert Macht ihren Glanz.
Dann gewinnt Wahrhaftigkeit an Kraft.
Dann wächst eine neue Kultur: klar, menschlich, lebendig, würdevoll.
Genau dafür ist die Zeit reif.
Ostern ist ein Fest der Erinnerung.
Ein Fest der inneren Aufrichtung.
Ein Fest der Rückkehr ins lebendige Herz.
Ein Fest der Menschlichkeit.
Ein Fest der göttlichen Würde in jedem einzelnen Menschen.
Heute kannst du dich neu sehen.
Heute kannst du den Menschen neben dir neu sehen.
Heute kannst du das alte Bild von oben und unten aus deinem Bewusstsein entlassen.
Heute kannst du dich wieder dem Leben anvertrauen, das in dir atmet und leuchtet.
Du bist keine Randfigur im Universum.
Du bist lebendiger Ausdruck des Göttlichen.
Du bist Tochter.
Du bist Sohn.
Du bist Familie.
Du bist gemeint.
Und der Mensch, dem du heute begegnest, ist es auch.
Darum lass uns einander neu begegnen.
Mit offenem Blick.
Mit aufgerichtetem Herzen.
Mit Klarheit.
Mit Sanftheit.
Mit Mut.
Mit der stillen Gewissheit, dass in uns allen dasselbe heilige Leben wohnt.
Der Stachel der Hierarchie darf gehen.
Die Wunde darf heilen.
Die Würde darf wieder atmen.
Die Liebe darf wieder führen.
Heute ist Ostersonntag.
Heute feiert das Leben seine Rückkehr ins Bewusstsein.
Heute ruft dich das Göttliche in dir beim Namen.
Heute ist ein guter Tag, dich wieder zu entdecken.


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