Bevor wir wieder Menschen wurden
- Simon Gehringer
- 4. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Sie schwebten um den vertrauten Planeten.
In ihrer Mitte drehte sich die Erde.
Blau, grün, lebendig, atmend.
Sie spürten das Rauschen der Wälder, hörten die Melodien der Ozeane, sahen die majestätischen Gebirge, die ganze Pracht von Mutter Erde.
„Es ist immer so wundervoll, vorher nochmal zusammenzukommen.“
Zustimmendes Leuchten ging durch den Kreis.
„Wir haben uns entschieden, wieder zu gehen.“
„Wir werden uns wieder vergessen.“
Es lag keine Tragik darin. Nur Klarheit.
„Und wir werden den Kontakt zu ihr verlieren“, sagte eine Seele leise und blickte auf die Erde.
Ein stilles Mitgefühl entstand.
„Wir werden in Städten leben, in Räumen aus Beton und Daten.“
„Wir werden Glas berühren häufiger als Baumrinde.“
„Wir werden auf Bildschirme schauen häufiger als in den Himmel.“
„Und dennoch wird sie uns tragen."
„Sie gibt uns Luft, Wasser, Nahrung.“
„Sie schenkt uns Rhythmus.“
Ein warmes Einverständnis ging durch die Gruppe.
„Manche von uns werden sich früh wieder mit ihr verbinden“, sagte eine Seele.
„Sie werden barfuß gehen. Wälder durchstreifen. Den Wind suchen. Wie früher. Ich liebe das so sehr ...“
Dann wandte sich der Blick wieder auf die menschlichen Rollen.
„Wir werden Kollegen sein“, sagte eine Seele ruhig. „Im selben Raum. Ohne zu wissen, wie tief wir uns kennen.“
„Wir werden führen und folgen.“
„Wir werden arm sein und reich.“
„mehr denkend, nur mache tief fühlend.“
„Gesund oder körperlich eingeschränkt.“
„Sichtbar oder im Hintergrund.“
Niemand wich dieser Vielfalt aus.
„Wir kennen all diese Facetten“, sagte eine ältere Seele.
„Wir haben zu vielen Zeiten in vielen Welten gelebt. In Armut und Überfluss. In Einfluss und in Stille.“
Ein leises Lächeln.
„Wir werden lieben“, sagte eine Seele sanft.
„Und vielleicht erkennen wir uns nicht sofort.“
„Vielleicht gehen Wege auseinander.“
„Vielleicht bleiben sie ein Leben lang verbunden.“
„Und vielleicht begegnen wir uns nur für einen Augenblick – und dieser Augenblick verändert alles.“
Ein tiefer Einklang erfüllte den Kreis.
„Diese Zeit ist anspruchsvoll“, sagte eine Seele langsam.
„Beschleunigung. Komplexität. Permanente Reize.“
„Technologie verbindet Kontinente.“
„Information überflutet Bewusstsein.“
„Ablenkung und Oberflächlichkeit sind überall.“
Und dennoch liegt unter allem ein ruhiger Strom.
„Gerade deshalb öffnet sich Raum“, sagte eine andere Seele.
„Raum für bewusste Entscheidungen.“
„Raum für echte Begegnung.“
„Raum für Heilung alter Muster.“
„Raum für Rückverbindung – zu uns selbst, zueinander, zu Mutter Erde.“
Ein sanftes Leuchten durchzog alle.
„Kein Leben dort unten ist klein.“
„Keine Begegnung zufällig.“
„Kein Konflikt ohne Potenzial.“
„Kein Schmerz ohne Möglichkeit der Öffnung.“
„Kein Wald ohne Erinnerung.“
„Kein Atemzug ohne Verbindung.“
Sie standen noch einen Moment in dieser Gewissheit.
„Wir gehen nicht für Besitz.“
„Nicht für Status.“
„Nicht für Macht.“
„Wir gehen für Erfahrung.“
„Für Tiefe.“
„Für Berührung.“
„Für das Staunen, wenn Wasser über Haut fließt.“
„Für das Lachen im Kreis.“
„Für die Umarmung nach einem langen Tag.“
„Für das Wiedererkennen in fremden Augen.“
„Für das Wiederfinden unseres Herzens.“
Ein gemeinsamer Atem.
„Es wird intensiv.“
„Es wird herausfordernd.“
„Es wird wunderschön.“
Und sie gingen –
wissend, dass jede Rolle,
jede Begegnung,
jede Sehnsucht,
jede Rückverbindung zur Erde
ein weiterer Ausdruck derselben Liebe ist,
die sie schon jetzt verbindet.
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Dieser Blick verändert etwas.
Vielleicht begegnet dir morgen ein Kollege, eine Nachbarin, ein Mensch im Supermarkt – und du erinnerst dich für einen Moment daran, dass ihr euch auf einer tieferen Ebene kennt.
Vielleicht schaust du anders auf Hierarchien, auf Unterschiede, auf scheinbare Gegensätze.
Vielleicht spürst du, dass auch in Konflikten Lernräume liegen.
Vielleicht gehst du wieder einmal barfuß über Gras.
Oder bleibst unter einem Baum stehen.
Oder atmest bewusst.
Und vielleicht wird dir klar:
Wir gehen gemeinsam durch diese intensive Zeit.
Nicht getrennt.
Sondern als Seelen, die sich wieder erkennen dürfen.
Und manchmal beginnt dieses Erkennen mit einem einzigen offenen Blick.





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